Limburg/Niederbrechen. Der Milchpreis soll steigen, haben die Discounter angekündigt. Auf einen Mehrerlös warten die Landwirte in der Region aber immer noch. Die NNP sah sich am Wochenende auf dem Lindenhof in Limburg-Lindenholzhausen um und sprach mit Inhaber Bernhard Höhler über den Milchmarkt und seine Perspektiven...

Bild: Diese Milchkühe stehen im Stall des Lindenhofs in Limburg-Lindenholzhausen - Foto: Johannes Koenig
Von JOHANNES KOENIG
Überproduktion und Preiskriege mit der Folge, dass ein Liter Milch zeitweise für unter 40 Cent im Discounter zu haben war – dies alles hat das Leben von deutschen Milchbauern in den vergangenen Jahren sehr schwer gemacht. Eine Entwicklung, die auch im Landkreis Spuren hinterließ und zum Ausstieg einiger Höfe aus der Milchproduktion geführt hat (die NNP berichtete).
Noch „voll im Geschäft“ ist dagegen die Familie Höhler vom Lindenhof in Lindenholzhausen. Ein Betrieb, der mitten im „Dreiländereck“ zwischen Lindenholzhausen, Niederbrechen und Hünfelden liegt. Rund 300 Milchkühe und über 200 Kälber gehören zum Hof. Trotz dieser Größe antwortet Inhaber Bernhard Höhler auf die Frage, ob die Milchwirtschaft eine im Landkreis aussterbende Spezies ist, erst einmal mit einem verlegenen Lachen.
Vorsicht bei Investitionen

Bild: Milchbauer Bernhard Höhler hofft auf einen höheren Abnehmerpreis für den Liter Milch - Foto: Johannes Koenig
Nach einem kurzen Überlegen gesteht er aber ein: „Ja, dass ist tatsächlich so. Die Preisschwankungen der letzten Jahre haben doch einigen Kollegen schwer zugesetzt. 35 Cent plus Mehrwertsteuer pro Liter Milch brauchen wir im Schnitt, um auch längerfristig wirtschaften zu können.“ Ein Preis der allerdings von Betrieb zu Betrieb schwankt: „Manche schaffen es mit 34, 35 Cent, andere benötigen 48 Cent. Das hat auch viel mit der jeweiligen Größe, Struktur und Ausstattung zu tun.“
Von der jüngst angekündigten Preiserhöhung für Milch durch die Discounter ist allerdings noch nichts beim Lindenhof angekommen. „Wir warten auf den Brief von unserer Molkerei. Allerdings steigt auf dem Markt bereits wieder die Nachfrage nach Milchkühen, denn in Norddeutschland bezahlen Molkereien wohl bereits schon 30 Cent pro Liter.“ Eine Entwicklung, die Bernhard Höhler durchaus mit gemischten Gefühlen sieht: „Mehr Geld zu verdienen, ist ja schön, und je nach Höhe der Preissteigerung kommen da pro Monat schnell mehrere Tausend Euro zusätzlich zusammen.“ Ein „warmer Regen“, der einige Landwirte jedoch regelmäßig dazu verleitet, „jetzt richtig durchzustarten“, in neue Kühe zu investieren und somit selbst die Basis fürs nächste Überangebot und den unweigerlich folgenden Preisverfall zu legen.
Außerdem sind große Investitionen nicht ohne das Fremdkapital der Banken zu stemmen. „Bis Anfang der 1990er-Jahre waren Schulden ein Fremdwort für uns. Dann bauten wir unseren ersten großen Stall, was sich auch gelohnt hat. Ab einem bestimmten Punkt gehört der Hof dann aber praktisch der Bank. Das muss jeder für sich selbst abwägen, ob er damit leben kann. Deshalb werden wir mit weiteren Investitionen erst einmal warten“, betont Höhler.
Längst geht es für Familienbetriebe aber nicht nur darum, von der Milchproduktion leben zu können. So werden soziale Aspekte wie Freizeit und freie Wochenenden immer wichtiger. Außerdem sorgen neue wissenschaftliche Erkenntnisse dafür, dass sich die Produktionsmethoden stetig weiterentwickeln: „Platz, Platz, Platz ist heute bei der Kuhhaltung das A und O.“
Jeweils 27 Liter Milch täglich geben die Kühe auf dem Lindenhof. Bis auf die sechs Wochen nach der Geburt des Kalbes werden die Tiere das ganze Jahre über gemolken. Die erste Schwangerschaft erfolgt mit zwei Jahren, danach ist eine Milchkuh ungefähr vier Jahre aktiv. Nach den sechs Jahren werden die Tiere dann an die Fleischindustrie verkauft. „Das Fleisch selbst ist allerdings zu sehnig, um es für Braten oder Koteletts zu verwenden, stattdessen wandert es in die Wurst beziehungsweise in die Salami.“
50 Kilo Futter pro Tag
Gehalten werden die Kühe das ganze Jahr über in den Ställen. „Da können wir die Bedingungen einfach am besten steuern.“ Für kalbende Kühe gibt es außerdem einen mit Stroh ausgelegten Bereich. Der Hallenboden selbst hat eine Oberfläche aus Gummi – um den weicheren Boden der Weiden zu simulieren. Gefüttert werden die Tiere mit Silage und proteinreichen Rapsschrot. Etwa 50 Kilo Futter verspeist eine Kuh am Tag: „Wir produzieren unser Futter selbst und halten auch entsprechende Vorräte vor“ – so kommt der Betrieb auch durch trockene Sommer, ohne weitere Silage zukaufen zu müssen.
Sind die Kühe mit ihrem Leben eigentlich glücklich? „Als Fachmann bildet man sich das schon ein. Wenn etwas nicht stimmt, ist das ja auch an der Milchleistung ablesbar.“ Aber Kühe sind nicht nur soziale Tiere mit einer eigenen Herdenhierarchie, sondern haben auch ihre individuellen Vorlieben: „Es gibt Tiere, die können gar nicht schnell genug an der Melkmaschine sein, andere warten dagegen geduldig, bis sie dran sind. Außerdem haben manche ihren eigenen Futterplatz, wo sie auch keine andere Kuh dulden.“ Das Erfolgsgeheimnis einer guten Haltung liegt darin, es jedem Tier recht zum machen: „Denn der Chefkuh geht es immer gut, es sind die anderen auf die es ankommt.“
Sprichwörtlich „auf Gedeih und Verderb“ hängt der Lindenhof an „seiner Molkerei“, der Schwälbchen-Molkerei in Bad Schwalbach. „Schließlich produzieren wir eine verderbliche Ware, die Milch muss alle zwei Tage abgeholt werden.“ Geliefert wird ausschließlich an das Unternehmen. „Direktvermarktung mit einem eigenen Hofladen ist nicht unsere Philosophie und bei einem Umstieg auf Biomilch würden wir vermutlich keine Abnehmer finden. Denn die Molkereien haben bereits ihre festen Lieferanten.“
Kann Bernhard Höhler denn seinen Beruf unter diesen Umständen weiterempfehlen? „Eigentlich gibt es nichts Schöneres. Man stolpert aus der Haustür, ist gleich auf der Arbeit und außerdem viel an der frischen Luft unterwegs.“
Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
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