Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.Limburg-Lindenholzhausen. Zum „offenen Volksliedersingen“ treffen sich einmal im Monat rund 50 Sänger im Vereinsraum der „Cäcilia“-Chöre in Lindenholzhausen. Chorerfahrung ist nicht notwendig – hat hier aber wahrscheinlich jeder ...

Volksliedersingen für jedermann als Beitrag zur Heimatkunde

VON ANKEN BOHNHORST-VOLLMER

Bernhard Will und Gottlieb Schmitt sind die Neuen in der Runde. Das heißt, richtig unbekannt sind die beiden nicht. Bernhard Will hat jahrelang Gitarrenunterricht erteilt, allein in Lindenholzhausen habe er mehr 200 Schülern das Greifen, Zupfen und Schlagen auf diesem Instrument beigebracht, sagt er. Ab sofort wird der Musiker das offene Volksliedersingen im Vereinsraum der „Cäcilia“-Chöre leiten. Unterstützung erhält er dabei von Gottlieb Schmitt. Dessen Bekanntheitsgrad ist ebenfalls hoch. Dennoch lässt Schmitt es sich nicht nehmen, seinen musikalischen Stammbaum zu bestimmen: Vater und Großvater haben bereits gesungen, der Cousin gilt weit über die Schallmauer der „Cäcilia“ hinaus als geschätzter Tenor, und auch er selbst kann sich mit seiner Stimme durchaus hören lassen, was er sogleich durch ein „Vorstellungslied“ beweisen wird. Um „Hollese“ und die Freude am Singen geht es in diesem Stück. Und um diese Freude geht es den etwa 50 Sängern reiferen Alters, die regelmäßig zu dieser unverbindlichen Gesangsstunde kommen.

Keine Chorerfahrung

Jeder Sänger ist willkommen. „Chorerfahrung ist nicht erforderlich“, sagt Hans Joachim Schupp, der das gemeinsame Singen vor ein paar Jahren initiiert hat. Gesangsfreunde ohne Chorerfahrung scheint es indes in und um Lindenholzhausen nicht zu geben. Die Männer und Frauen sind text- und taktsicher. Bernhard Will kündigt als erstes Lied „Schneeflöckchen“ an, das allerdings nicht in dem ausgeteilten Liederheft steht. Singen könnte man es trotzdem, teilt ein älterer Herr mit, wird aber überstimmt. Man einigt sich rasch auf „Kling Glöckchen“, das sich immerhin auf Schneeflöckchen reimt und kräftig intoniert wird. Für den Anfang sei das sehr schön gewesen, finden die Chorleiter, vielleicht eine Idee zu tief, meint eine Sängerin. Für den Zuhörer klingt das „Aufwärm-Lied“ indes bereits durchaus virtuos.

Weil die Weihnachtszeit noch nicht vorüber ist, wird als nächstes „Oh du fröhliche“ angestimmt, schlägt das Dirigenten-Duo vor. Anschließend gibt’s „O Tannenbaum“, was zu kurzem Gewisper bei den Sängern führt. Wer hat seinen Christbaum noch im Wohnzimmer stehen? War der Baum in diesem Jahr nicht besonders schön? Die Tanne im Vereinsraum der „Cäcilia“ ist schon abgeschmückt, stellen die Sänger fest. Damit ist der kurze Exkurs ins Alltägliche beendet und die Sängerdisziplin wieder hergestellt. Eine ältere Dame stupst ihren Mann an, bei „O Tannenbaum“ habe er wenig zu heftig tremoliert. Der Angesprochene nickt und flüstert, das gehöre zu seiner Interpretation des Tenors.

„Hohe Tannen“

Bernhard Will ist zufrieden und leitet zu einem anderen Genre über. Jagd- und Volkslieder stehen als nächstes auf dem Programm. Die Texte liefert ein Büchlein, das ein Versicherungsunternehmen gestiftet hat. Noten brauchen die geübten Sänger nicht. Auch nicht für das Rübezahl-Lied „Hohe Tannen“, in dem Treue und Heimat besungen werden und Rübezahl aufgefordert wird: „Schlag Hader und Zwietracht entzwei.“ Fröhlicher ist dagegen das folgende „Hoch auf dem gelben Wagen“, ein Lied, das der ehemaligen Bundespräsident Walter Scheel in den 1970er-Jahren sehr populär gemacht hat, wie die Sänger wissen. Mehr als ein viertel Jahr habe sich die Interpretation des Staatsmannes damals in der deutschen Hitparade gehalten, sagt Gottlieb Schmitt. Der Text stammt von Rudolf Baumbach, die Musik von Heinz Höhne. Man möge den Gitarristen bitte ein kleines Vorspiel lassen und dann munter einstimmen. Der Wagen rollt – besonders bei den R-Lauten.

Ein gutes Dutzend Volkslieder werden die Männer und Frauen in dieser Stunde singen, Erinnerungen an Pfadfinder- und Lagerfeuerromantik musikalisch aufleben lassen und dabei kleine Anekdoten austauschen. Etwa beim mehrstimmig gesungenen „Im schönsten Wiesengrunde“, das sich Clemens Bruckner, der frühere Pfarrer von St. Jakobus in Lindenholzhausen, für seine Beerdigung gewünscht habe, wie Hans Joachim Schupp erzählt. „In Tales Grunde will ich begraben sein“, heißt es da. Und so habe es der Pfarrer auch gewollt. Seine letzten Lebensjahre hatte der Geistliche im Westerwald verbracht. Beigesetzt werden wollte er aber in Lindenholzhausen. Die kleinen Geschichtchen verleihen der Singstunde eine ganz besondere Note, findet ein Mann. Sie fördern neben der musikalischen Zusammenkunft einen weiteren schönen Effekt: die Belebung der Heimatkunde.

Das nächste offene Volksliedersingen ist am 2. Februar um 16 Uhr.

Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.

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