Limburg. Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD) ist heute 100 Tage im Amt. Anlass für eine erste Zwischenbilanz und einen Ausblick ...
Von JOACHIM HEIDERSDORF
Bild: Bürgermeister Dr. Marius Hahn an seinem Schreibtisch.
Neuer Bürgermeister auf neuem Stuhl
Von JOACHIM HEIDERSDORF
Was ist im Vorfeld nicht alles über den Wechsel nach 18 Jahren gesprochen worden . . . Doch im Limburger Rathaus hat sich seit dem 2. Dezember kaum etwas verändert – weder optisch noch organisatorisch. Dr. Marius Hahn will freilich auch vor allem inhaltlich neue Akzente setzen.
Der neue Chef hat in der Verwaltung zunächst einmal alles beim Alten belassen. Das fängt in seinem Vorzimmer an, wo das bewährte Duo Inge Fluck und Stefanie Maurer-Frink weiter alles regelt, und setzt sich in seinem Büro fort. Nur der Lederstuhl ist neu, auf dem der Neue sitzt. An den Wänden hängen wie früher die Fotos von Walter Flögel; seitlich vom Schreibtisch ist das Steuerrad hinzugekommen, das ihm die SPD-Fraktion zur Amtsübernahme geschenkt hat. Und selbstverständlich hat der 44-Jährige auf dem Schreibtisch auch ein Foto von seiner Familie aufgestellt, die er immer weniger sieht. Wir sprachen gestern mit dem Stadtoberhaupt.
NNP: Wie fühlen Sie sich als Bürgermeister?
HAHN: Sehr gut, in jeder Hinsicht. Ich bin im Rathaus und außerhalb gut angekommen. Das ist eine sehr schöne und vielschichtige Tätigkeit.
Genau so, wie Sie es sich vorgestellt haben?
Im Grunde ja, von manchen Dingen bin ich aber auch überrascht.
Zum Beispiel?
Die extreme Termindichte. In 100 Tagen habe ich intern und extern rund 500 Termine gehabt. Aber ich will mich darüber nicht beschweren. Ich möchte präsent sein, wo es geht geht, und so viel erfahren wie möglich.
Der eine freie Tag in der Woche, den Sie für die Familie reservieren wollten, ist so noch nicht drin, oder?
Nein, leider noch nicht. Frau und Kinder haben glücklicherweise Verständnis. Meine elfjährige Tochter sagte mir kürzlich, als ich ihr absagen musste: Papa, das ist nicht schlimm. Du hast es ja so gewollt. Jetzt zieh’ es auch durch.
Hervorragende Verwaltung
Zeit, im Büro etwas zu verändern, hatten Sie offensichtlich auch noch nicht.
Das wollte und brauchte ich nicht. Warum sollte ich aus Prinzip etwas verändern wollen, was sich bewährt hat? Wir haben eine hervorragend funktionierende Verwaltung. Ich hatte als Stadtverordneter und als stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher zwar schon gewisse Einblicke von außen, doch wenn man hier arbeitet, nimmt man das ganz anders wahr. Das ist wirklich sehr beeindruckend.
Die SPD hat bei der Wahl am Sonntag in Limburg deutlich gewonnen. Führen Sie das auch auf den Bürgermeister-Bonus zurück?
Das ist schwer einzuschätzen. Ich versuche die Dinge zu trennen. Als Bürgermeister bin ich für die gesamte Stadt und alle Bürger da. Die politische Neutralität ist mir sehr wichtig; deshalb bin ich auch nicht, wie mehrere Kollegen, auf die Parteiliste gegangen. Wenn durch meine Tätigkeit etwas für die Partei herausspringt, die meine politische Heimat ist, habe ich freilich nichts dagegen.
Keine Mehrheit im Rücken
Welche Auswirkungen erwarten Sie durch die neue Sitzverteilung für Ihre Arbeit?
Keine gravierenden. Wir hatten auch in den vergangenen Jahren keine klaren Mehrheiten – und die Stadt ist deswegen nicht untergegangen. Im Gegenteil: Das Ringen um vernünftige Lösungen wird auch künftig die Stadt voranbringen. Ich biete allen Fraktionen die Zusammenarbeit an.
Nach der Wahl dürfte klar sein, dass Ihr CDU-Konkurrent im Wahlkampf Ihr Stellvertreter bleibt.
Darauf habe ich keinen Einfluss. Ich arbeite sehr gut und sehr vertrauensvoll mit dem Ersten Stadrat Michael Stanke zusammen. Dieses harmonische Miteinander wird sich bestimmt auch auf die Arbeit in der Stadtverordnetenversammlung auswirken. Die Zusammenarbeit im Magistrat ist ebenfalls hervorragend.
„Nicht so verbissen sein“
Wie bewerten Sie die ersten 100 Tage im Amt?
Ich bin zufrieden, lerne jeden Tag hinzu und viele interesante Menschen kennen.
Was haben Sie gelernt?
Das ich in diesem Amt nicht so verbissen sein darf wie früher. Ich muss meine Ziele beharrlich verfolgen, das ist klar, doch hie und da gelassener und kompromissbereiter werden. Wichtig ist die moderierende Funktion des Bürgermeisters.
Was haben Sie schon erreicht?
Am Anfang geht es um einen nahtlosen Übergang, darum habe ich mich bemüht. Es gibt auch keinen Anlass, alles anders zu machen. Martin Richard hat ja insgesamt sehr erfolgreiche Arbeit geleistet. Die Wirtschaftsförderung, um ein Beispiel zu nennen, werde ich aktiv fortsetzen. Wir haben zuletzt zwei Verträge für Neuansiedlungen unterzeichnet. Eine Firma für Fahrzeugdesign wird sich im Offheimer Gewerbegebiet niederlassen. Ein Unternehmen für die Verfeinerung und den Vertrieb von Industrieprodukten geht ins ICE-Gebiet. Mit der neuen Wasserstofffüllstation sind wir ebenfalls auf einem guten Weg. Limburg hat nicht nur wirtschaftlich ein Riesen-Potenzial.
Verkehr größtes Problem
Und gar keine Probleme?
Doch, selbstverständlich. An erster Stelle den Verkehr. Wir müssen uns vorrangig damit beschäftigen, wie wir den Verkehr lenken, und uns mit dem Luftreinhalteplan und der Umweltzone beschäftigen.
Haben Sie etwas unternommen?
Ja, ein Ingenieurbüro soll uns für den Masterplan Verkehr beraten. Die Stadt wird einen Beirat bilden, in dem die örtlichen Akteure zu Wort kommen. Ich will auch bei der Lösung dieses Problems die Menschen mitnehmen.
Gutes Stichwort, wann kommt das von Ihnen geforderte Bürgerbüro?
Den Zeitpunkt weiß ich noch nicht, aber es wird kommen, wahrscheinlich im Foyer des neuen Rathauses. Wir sind dabei, vorsichtige Pläne für den Umbau des Rathauses zu erstellen, das zumindest energetisch saniert werden muss. In diesem Zusammenhang werden wir uns auch über die Organisation Gedanken machen. Diesen Prozess wollen wir offen in der Verwaltung führen. Ich denke zum Beispiel auch über erweiterte Öffnungszeiten nach, etwa an ein bis zwei Samstagen im Monat. Viele Pendler haben bislang keine Möglichkeit ins Rathaus zu kommen.
100 Studenten erforderlich
Und wie geht es mit den Hochschul-Plänen weiter?
Da sind wir ebenfalls auf einem guten Weg. Dieses Ziel steht und fällt mit der Beteiligung der Unternehmen – nicht nur aus Limburg. Ich ziehe den Umkreis etwa 30 bis 40 Kilometer weiter. Neben dem privaten Ableger im Walderdorffer Hof wollen wir eine Hochschul-Niederlassung für duales Studium etablieren. Dafür werden wir rund 100 Studenten brauchen, damit es sich lohnt.
Welchen Standort favorisieren Sie?
Das wird sich zeigen. Es gibt gute Gründe für einen Standort in der Innenstadt oder ebenso Vorteile im ICE-Gebiet. Die Stadt wird für dieses Angebot auf jeden Fall Geld in die Hand nehmen müssen.
Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
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