Limburg. Die Prüfungsgesellschaft hat die Ermittlungen im Finanzskandal im Bistum abgeschlossen. Das traurige Ergebnis: Der langjährige Rentamtsleiter Werner Jung-Diefenbach hat rund eine Million Euro mehr unterschlagen als bislang bekannt war – insgesamt fast fünf Millionen Euro! ...

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Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei
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Prüfer: Jung-Diefenbach hat die Kirche skrupellos betrogen

Von Joachim Heidersdorf

Die Verantwortlichen im Bistum hatten schon das Schlimmste befürchtet, doch beim Blick auf den Abschlussbericht der Prüfer mochten sie ihren Augen kaum trauen. Die erst kürzlich entdeckten Betrügereien auf einem Konto der katholischen Pfarrgemeinde St. Jakobus Lindenholzhausen, für die Werner Jung-Diefenbach als ehrenamtlicher Kirchenrechner tätig war, summieren sich auf rund eine Million Euro.

Dabei muss einen bei Jung-Diefenbach eigentlich gar nichts mehr wundern. Der bis zu seiner Verhaftung am 9. Oktober in seinem Heimatort Lindenholzhausen und in der Region hoch angesehene Mann hat alle nach Strich und Faden belogen. Hinter der Fassade des stets netten Menschen verbarg sich jahrelang ein Krimineller, der die Kirche nach Angaben der Prüfer «skrupellos» betrog.

St. Jakobus um 59 000 Euro betrogen

Nachdem die Veruntreuungen nun aufgeklärt scheinen, bleiben die Fragen, warum die Unterschlagungen in dieser Größenordnung so lange nicht aufgefallen und wo die Millionen geblieben sind. Die Staatsanwaltschaft geht nach wie vor davon aus, dass Jung-Diefenbach nicht alles für sich und seine Familie ausgegeben haben kann. Hinweise, wo das riesige Summe gelandet sein könnte, haben die Strafverfolger aber nicht.

Werner Jung-Diefenbach behauptet in einem Brief an den NNP-Redaktionsleiter, dass außer den Immobilienwerten, die an das Bistum übergehen werden, nichts mehr da ist. Er kündigt geheimnisvoll an, im Prozess werde alles ans Licht kommen, warum er sich mit Kirchengeldern persönlich bereichert hat.

Nach den gestern präsentierten neuen Ergebnissen hat der heute 55-Jährige vom Konto seiner Pfarrgemeinde in Lindenholzhausen in den Jahren 1983 bis 2002 regelmäßig Bargeld abgehoben: meist 1000 Mark und überwiegend am Geldautomaten.

Gernot Sydow, der Justitiar des Bistums, beziffert den tatsächlichen finanziellen Schaden der Kirchengemeinde auf rund 59 000 Euro. Die restlichen Gelder hatte der Kirchenrechner, der dieses Amt von seinem Großvater übernommen hatte, zuvor vom Rentamt in Hadamar auf das Konto von St. Jakobus überwiesen, um sich anschließend dort zu «bedienen».

«Ein solcher Vorgang wäre bei einer regulären Jahrsabschlussprüfung ohne einen konkreten Verdacht mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aufgefallen, da Finanzströme zwischen Rentamt und Kirchengemeinden üblich sind», erläutert Sydow.

300 Mal in fünf Jahren jeweils 7500 EUR abgehoben

Das Bistum hatte die Untersuchungen bei der Spezialabteilung für Wirtschaftskriminalität der Prüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) in Auftrag gegeben. «Insgesamt konnten veruntreute Gelder in Höhe von knapp 4,8 Millionen Euro aufgedeckt werden», berichtet Sydow.

In den vergangenen zehn Jahren (1999 bis 2009) hatte der Rendant allein 3,8 Millionen Euro von einem Konto des Gesamtverbandes der Katholischen Kirchengemeinden Limburg entnommen. Jung-Diefenbach war Geschäftsführer dieses Verbandes, der die elf Kindertagesstätten der Limburger Kirchengemeinden als Träger verwaltet. Der Kassenchef hatte Einzelvollmacht und musste niemand Rechenschaft ablegen. In den vergangenen fünf Jahren hob er rund 300 Mal 7500 Euro ab!

Die externen Prüfer sind bei ihrer Arbeit dann überraschend auch noch auf die Betrügereien in der Pfarrgemeine in Lindenholzhausen gestoßen.

Strafrechtlich relevant sind nur die Unterschlagungen der vergangenen fünf Jahre. In diesem Zeitraum hat Jung-Diefenbach etwa 2,5 Millionen Euro veruntreut – und dafür droht ihm eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und zehn Jahren. Das Bistum geht davon aus, dass die Staatsanwaltschaft, wie von der NNP bereits berichtet, noch in diesem Jahr Anklage erheben wird. Laut Sydow wollte sich die Diözese bei der lückenlosen Aufklärung des Skandals nicht auf die letzten fünf Jahre beschränken. Unmittelbar nach Kenntnisnahme der Unregelmäßigkeiten hatte das Bistum Anfang Oktober Strafanzeige gestellt und die Spezialabteilung für Wirtschaftskriminalität der PwC eingeschaltet.

«Es war schwierig, die kompletten Vorgänge aufzuklären, da ein Großteil der alten Unterlagen nach den Aufbewahrungsfristen – auch bei den Banken – nicht mehr vorhanden war, Kontobewegungen nur in mühevoller Recherche wieder hergestellt werden konnten und die damaligen Funktions- und Verantwortungsträger schon lange nicht mehr im Amt sind», erklärt Anna Feldgun, die Leiterin der PwC-Ermittlungen. Für die Diözese sei es jedoch wichtig gewesen, Klarheit über das gesamte Ausmaß der Straftaten zu bekommen.

Das Bistum zieht aus dem Skandal Konsequenzen

Die Untersuchungen haben nach den Worten der Prüfungsleiterin nicht nur den finanziellen Schaden aufgedeckt, sondern auch «das skrupellose Vorgehen und die kriminelle Energie» Jung-Diefenbachs gezeigt. «Er hat nicht nur die bischöfliche Behörde und den Gesamtverband Limburg, sondern auch seine eigene Kirchengemeinde hintergangen, in der er als Vertrauensperson galt. Über Jahre hinweg hat er die Menschen in seiner Umgebung gezielt belogen», sagt Feldgun.

Das Bistum setzt alles daran, so viel wie möglich von dem unterschlagenen Geld zurückzubekommen. Die vom Landgericht erlassenen Arrestbefehle gegen Werner Jung-Diefenbach und seine beiden Töchter sind ein erster Erfolg auf dem Weg der Schadenswiedergutmachung. In den Grundbüchern sind jetzt Arresthypotheken zu Gunsten des Bistums eingetragen, die Arrestbefehle bilden die Grundlage für eine Zwangsvollstreckung.

Das Bistum Limburg zieht aus dem Skandal Konsequenzen: Alle Kontroll- und Prüfungsinstrumente werden nach Angaben des Justitiars auf den Prüfstand gestellt und Risikobereiche neu definiert. Zurzeit wird das Rentamt Süd (Kelkheim) einer zusätzlichen Prüfung unterzogen. Der Diözesankirchensteuerrat hat zugestimmt, die interne Revision personell zu verstärken. hei

Eines der beiden Häuser in Lindenholzhausen, die Werner Jung-Diefenbach mit Kirchengeldern gebaut hat. Das Bistum will durch die Zwangsvollstreckung einen Teil des Schadens wiedergutmachen. Foto: Zu Hause wohnenEines der beiden Häuser in Lindenholzhausen, die Werner Jung-Diefenbach mit Kirchengeldern gebaut hat. Das Bistum will durch die Zwangsvollstreckung einen Teil des Schadens wiedergutmachen. Foto: Zu Hause wohnen

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