Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
Von Edith Egger-Mertin
... Den Rentner treibt die Neugier nach Limburg. «Ich will den Angeklagten mal sehen.» Er findet, die Kirche habe Jung-Diefenbach die vielen Unterschlagungen leicht gemacht und glaubt, dass die Strafe nicht besonders hoch ausfallen wird, «vier bis fünf Jahre, wenn er geständig ist.»
Hinter der Tür des Gerichts werden Nummern ausgegeben an die Besucher. Mehr als 100 dürfen nicht rein. So viele werden es am Vormittag nicht, viele Stühle bleiben unbesetzt. Erst nach der Mittagspause, die um 14 Uhr beendet ist, ist das Interesse und der Besucherandrang größer.
Obwohl am Morgen gar nicht so viele zum Prozess wollen, macht die zuständige Justizangestellte am Eingang zum Gericht einen mehr als gestressten Eindruck, sie schreit und wühlt in ihren Listen. Auch Rentner Karl Kuhmann aus Neunkirchen im Westerwald muss seinen Ausweis zeigen und seinen Fotoapparat abgeben. Das findet er ziemlich übertrieben. «Es ist ja wie bei einem Prozess gegen Terroristen», sagt er. «Ist doch unblutig ausgegangen.»
In der ersten Reihe im Zuschauerraum hat Christian Fuchs aus Diez Platz genommen. Den Pensionär und ehemaligen Finanzbeamten interessiert, «wie ein Einzelner alle Kontrollmechanismen aushebeln kann, um an fünf Millionen zu kommen. Wie kann das sein?»
Abgetrennte Zuschauer
Pünktlich um halb neun beginnt die Verhandlung. Hinter der raumhohen Trennscheibe sitzen die Zuschauer auf ihren nummerierten Plätzen, davor in einer Reihe die Journalisten, Auge in Auge mit dem Gericht. An der rechten Seite sitzt der Oberstaatsanwalt Hans-Joachim Herrchen. Der Angeklagte Werner Jung-Diefenbach, in grauem Anzug, weißem Hemd und blauer Krawatte, wird hereingeführt. Er setzt sich auf die linke Seite des Gerichtssaals neben seinen Verteidiger Detlef Rörig. Das minutenlange Blitzlichtgewitter zu Beginn lässt er recht gleichmütig über sich ergehen. Er blättert in seinen Papieren und schaut in die Kameras, meidet aber den Blick zu den Zuschauern. Dem Richter bestätigt er auf Nachfrage, dass er 55 Jahre alt ist, gelernter Industriekaufmann, verheiratet, zwei Töchter.
Die Zuschauer wagen sich nicht zu mucksen, der Richter hat sie eisern im Griff. Einen herrscht er unvermittelt an: «Der Herr möge bitte aufhören, aus der Flasche zu trinken.» Bewegung kommt erst ins Publikum, als die langjährigen sexuellen Beziehungen des Angeklagten zu verschiedenen Kolleginnen zur Sprache kommen.
In der Verhandlungspause sagt ein Zuschauer aus Hundsangen – er will seinen Namen nicht nennen, weil er ein Nachbar des Bistums-Finanzdirektors ist: «Ich bin erstaunt, aufgewühlt von der ganzen Geschichte. Der Angeklagte muss ein bewegtes Leben geführt haben. Ich frage mich, ob er noch mehrere Geliebte hatte.» Willi Peter, Porträtist aus Eschborn, spricht von Jung-Diefenbach als einem «Wolf im Schafspelz mit einem vollgefressenen Kinn». «Es fällt schwer, hinter die Maske solcher Betrüger zu sehen.»
[Hier] im Webauftritt von Lindenholzhausen.de finden Sie unseren Artikel "Untreue-Prozess: Berichte & Ergebnisse" mit der Historie und entsprechenden Links.
