Bild: Der Mann aus dem Knast: der aus Ellar stammende Joe Bausch. Foto: Bohnhorst-Vollmer
„Tatort“-Pathologe und Autor Joe Bausch las in Lindenholzhausen aus seinem Bestseller
Von Anken Bohnhorst-Vollmer
Joe Bausch hat eine Mission. Er will das Leben im Gefängnis, in der "Black Box", darstellen. Er will beschreiben, wie man als Arzt in einem Hochsicherheitsgefängnis mit rund 1000 Insassen arbeitet – ohne Illusionen und Vorurteile, ohne Zynismus, aber mit viel Empathie.
Joe Bausch weiß, wovon er spricht. Seit 25 Jahren ist er Anstaltsarzt in der nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalt Werl. Viele seiner Erfahrungen und Erlebnisse erzählt er in seinem Buch "Knast", das lange unter den Top ten in der Spiegel-Bestsellerliste stand: ein pralles Werk voller brüchiger Biografien, das trotzdem nicht mehr sein kann als ein sehr feinkörniges Konzentrat. Denn Ereignisse und Begegnungen aus mehr als zwei Jahrzehnten zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, ist für den Autor unmöglich. "Ich kann alles – außer kurz", räumt Joe Bausch freimütig ein und reichert jede Textpassage mit zahlreichen Anekdoten an.
Eigentlich sei sein Lebenstraum gewesen, als "Flying Doctor" in Australien zu leben, erzählt der Mann mit der imposanten Bartbürste. Aber dann habe es sich "halt eben so ergeben, dass die ganze Welt zu mir fliegt", in den Knast nach Werl. Rund 50 verschiedenen Nationalitäten gehören seine Patienten an, was auch aus medizinischer Sicht hochinteressant sei, weil man Krankheitsbilder zu sehen bekommt, von denen man bislang allenfalls Theoretisches gehört habe.
Das sehe er "sportiv", sagt der Mediziner, und was zunächst allzu lakonisch klingt, macht durch viele weitere kleine Einschübe die Haltung Bauschs als Gefängnisarzt deutlich. Ja, betont er, er setze sich dafür ein, dass seine Patienten "fit for punishment" werden, weil das ein unverzichtbarer Teil des humanen Strafvollzugs sei.
Zuchthäusler in Ellar
Menschlichkeit und Moral seien die Grundfeste seines Lebens, versichert Joe Bausch, und "nirgendwo habe ich das besser gelernt als in meinem Elternhaus, zunächst in Ellar und später in Niederzeuzheim". Hier habe er auch in den 1950- und 1960er Jahren erstmals Verbrecher erlebt. Regelmäßig seien auf dem elterlichen Bauernhof nämlich "Zuchthäusler – so hießen die damals noch" – beschäftigt gewesen, berichtet er.
Dennoch drängte es ihn raus aus der Enge des Westerwaldes, weg von starren Strukturen und dem alles beherrschenden Katholizismus und hinein in ein Studentenleben, dessen Ausschweifigkeit ihm beinahe seine Berufspläne zerstört hätte. Sein späterer Vorgesetzter versuchte nämlich die Anstellung Joe Bauschs mit der Formulierung zu verhindern, der Bewerber rücke mit seinem "Erscheinungsbild" in allzu große Nähe zu den Gefängnisinsassen. "Damals hatte ich noch lange Haare", ruft der Autor und lächelt verschmitzt.
Es sind kurze, befreiende Lacher, die Joe Bausch mit diesen Episoden erzeugt. Und dieses Luftholen braucht die von der Buchhandlung Thalia organisierte Lesung tatsächlich, weil es hier nicht um fiktive "Tatorte", sondern um die Realität geht.
Misstrauisch & freundlich
In seinem Buch "Knast" erzählt Joe Bausch nicht aus der Perspektive jenes stets unterkühlt wirkenden Fernseh-Pathologen Dr. Roth. Vielmehr berichtet er kritisch und selbstkritisch, etwa von der Begegnung mit einer Kindsmörderin, der gegenüber er seine Abscheu zunächst kaum verbergen konnte. Er berichtet von physischen und psychischen Grenzen, an die er bei seiner Arbeit gestoßen sei, von einem "Weitwinkelblick", den man im Knast brauche und von Misstrauen als "durchgängiger Emotion".
Immer aber blitzt auch Freundlichkeit aus Joe Bauschs Augen – und jene sympathisch eigentümliche Art von Humor, mit der er sich nach der dreistündigen Lesung verabschiedet: "Ich danke Ihnen, dass Sie so lange gesessen haben – aber das haben Sie immerhin freiwillig getan."
Artikel vom 11. November 2012, 20.50 Uhr (letzte Änderung 12. November 2012, 04.08 Uhr)
Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
