Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
Norbert Blüm wettert in Lindenholzhausen gegen neoliberales Gedankengut und predigt am Stein-Gedenktag die Lehre der Solidarität
Bild: Clemens Henzler (links) und Professor Dr. Leuninger überreichten Norbert Blüm eine Verdienst-Urkunde als Anerkennung für „seinen herausragenden Einsatz“ in der Anwendung christlich-sozialer Prinzipien. Foto: koe «Ich war erst Pfadfinder, dann in der IG Metall und schließlich in der CDU und der CDA», erzählte Norbert Blüm seinen zahlreichen Zuhörern im Pfarrheim über seinen Werdegang. Im Zuge seiner Lehre zum Werkzeugmacher bei Opel und als Mitglied der dortigen CDA Betriebsgruppe nahm er schließlich an Seminaren der Frankfurter Sozialschule teil. Dort habe er dann «zu Füßen» von Prälat Alexander Stein, dem Mitbegründer und Initiator der Frankfurter Sozialschule, gesessen, so Blüm.
Motiviert worden seien sie damals von den christlichen Grundwerten und der Sehnsucht, etwas zu lernen, was über den Tag und bloßes Karrieredenken hinausgehe. Über diese Zeit reflektierte Blüm, dass man Mut brauche, um etwas Neues durchzusetzen und er selbst habe sich Zeit seines Lebens als ein Progressiver verstanden. Aber inzwischen sei er zu der Einsicht gekommen, dass genauso viel Mut dazu gehöre, das Alte zu verteidigen.
Das gelte insbesondere heute, wo sich die christliche Soziallehre gegen «neumodischen Schickimicki» wehren müsse. «So bin ich auf meine alten Tage konservativ geworden», sagte Blüm. Besonders heftig kritisierte er neoliberales Gedankengut. So verdiene der Ausspruch, dass jede Generation für sich selber sorge, den «Nobelpreis für politische Dummheit». Denn «ich habe noch kein Baby gesehen, dass sich selbst wickelt».
Den Schwachen helfen
Es sei eine uralte Weisheit, dass die Mitglieder in einer Gesellschaft für einander verantwortlich seien. Der Starke helfe dem Schwachen. Ohne dieses Prinzip hätte die Menschheit das Neandertal sonst nie verlassen und «der Grundsatz, wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht, ist eine Philosophie für den Weltuntergang», gab sich der ehemalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung überzeugt.
Es sei das solidarische Prinzip der Rentenversicherung, dass die Jungen für die Alten zahlen. Dazu bräuchte man aber junge Menschen, die nicht nur Arbeit, sondern auch ergiebige Arbeit hätten, denn eigener Besitz und die Rente müssten durch den Arbeitslohn entstehen können. «Wer aber Hungerlöhne zahlt, erhält Hungerrenten», rief Blüm.
Unerfüllte Versprechungen
«Die Rente ist sicher», sei eine Aussage, die er kenne, machte Blüm deutlich. Als Minister hatte er diesen Satz auch immer wiederholt. Das Rentensystem, so Blüm weiter, habe bisher in seiner über 100-jährigen auch alle Turbulenzen überlebt. Sein Weg sei begleitet von den Grabeskreuzen nicht erfüllter Versprechen seitens privatwirtschaftlicher Konkurrenzmodelle. Aber wenn heutzutage neben niedrigen Löhnen außerdem Gelder in die Riester-Rente umgeleitet würden, dürfe man sich nicht wundern, dass der Motor stottere.
Über die möglichen Alternativen zur christlichen Soziallehre, den Liberalismus und den Sozialismus, gab er zu bedenken, dass ihre Ideen nur Teilwahrheiten seien. Weder die Einengung des Menschen auf seine Rolle in der Gruppe noch die ausschließliche Betonung seiner Individualität werde der menschlichen Natur gerecht. So forderte er abschließend eine Rückbesinnung der Gesellschaft auf christlich-soziale Grundsätze und bekannte, er sei stolz zu den Verfechtern christlich-sozialer Prinzipien zu gehören, denn «nie waren unsere Ideen so auf der Höhe der Zeit».
Mit stehenden Ovationen bedankten sich die Zuhörer bei ihrem prominenten Gast für seine mitreißende Rede. Clemens Henzler (CDA) und Professor Dr. Ernst Leuninger (KAB) überreichten Dr. Norbert Blüm eine Verdienst-Urkunde als Anerkennung für «seinen herausragenden Einsatz» für die Anwendung christlich-sozialer Prinzipien. koe
