Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
Jung-Diefenbach schweigt – und wehrt sich gegen Pfändungen
Von Joachim Heidersdorf
«Ich will einen Schlussstrich ziehen», hat Werner-Jung-Diefenbach in einem Brief aus dem Limburger Gefängnis an den NNP-Redaktionsleiter angekündigt. Im Prozess werde alles ans Licht kommen.
Daran zweifeln inzwischen die Beteiligten. Staatsanwaltschaft und Bischöfliches Ordinariat (BO) vermissen die versprochene Kooperationsbereitschaft des geständigen Ex-Rentamtsleiters, der das Bistum allein in den strafrechtlich relevanten vergangenen fünf Jahren um 2,7 Millionen Euro betrogen hat. Inklusive der bereits verjährten Unterschlagungen summiert sich der Schaden auf mindestens fünf Millionen Euro.
Die Strafverfolger sind sicher, dass Jung-Diefenbach nicht alles verbraucht haben kann. Zwei Häuser, teure Urlaube, die Unterstützung der Familie und Autos haben zwar viel Geld verschlungen, aufgrund der Ermittlungen aber bei weitem nicht alles. Im Schreiben an die NNP versichert der Angeklagte «bei allem, was mir lieb und wichtig ist», außer den Immobilien sei kein weiteres Barvermögen vorhanden.
Kaum zu glauben, weil er keine plausiblen Angaben zum Verbleib der riesigen Summe macht. Werner Jung-Diefenbach will sich noch nicht einmal daran erinnern können, wofür er in den letzten vier Wochen vor seiner Verhaftung rund 70 000 Euro in bar ausgegeben hat. . .
Im September hat er fünf Mal 7500 Mark abgehoben, also insgesamt 37 500 Euro. Nachdem der Kassenchef der Bistums-Außenstelle am 2. Oktober suspendiert wurde, verkaufte er vier Tage später seinen Geländewagen. Der Lindenholzhausener kassierte für den Touareg 32 500 Euro in bar. Wenige Tage danach – Jung-Diefenbach wurde nach einem Artikel in der NNP am 9. Oktober verhaftet – war kein Cent davon da. Die Strafverfolger haben die Konten von sieben Personen gefilzt und mehrere Wohnungen durchsucht – alles erfolglos.
«Der Angeklagte hat gemerkt, dass sich die Schlinge zuzieht und am Ende tabula rasa gemacht», sagt ein Ermittler. Angeblich soll Jung-Diefenbach auch eine Lebensversicherung aufgelöst haben; dafür gibt es jedoch keine Belege.
18 000 Euro für Sängerbund
Die von ihm angeführten hohen Spenden entpuppen sich als relativ gering. Der damalige Vize-Präsident des Hessischen Sängerbundes schenkte diesem Verband in Tranchen rund 18 000 Euro, die er bei anderen Spendern eingesammelt haben wollte. Die vom Angeklagten auf 10 000 Euro bezifferte Spende für ein Kinderhospiz in Südafrika beträgt tatsächlich 2000 Euro. Für den Gesangverein «Cäcilia» Lindenholzhausen, den er 20 Jahre lang führte, bezahlte der Vorsitzende aus eigener Tasche die Stornokosten für eine abgesagte Andalusien-Reise. Hinweise auf die Finanzierung des «Cäcilia»-Vereinsheims, wie im Ort hartnäckig kolportiert, hat die Staatsanwaltschaft nicht gefunden.
Neben der Tatsache, dass er nicht vorbestraft und geständig ist, könnte ein Beitrag zur Schadenswiedergutmachung sich strafmildernd auswirken. Darauf hatte natürlich auch das Bistum gehofft. «Vergeblich», sagte Justiziar Professor Gernot Sydow der NNP. «Der ehemalige Rentamts-Chef nutzt vielmehr jeden juristischen Winkelzug, um Rückforderungen zu erschweren.» Jung-Diefenbach habe lediglich Hinweise auf Vermögenswerte wie Immobilien und Grundstücke gegegeben, die ohnehin leicht festgestellt worden wären. «Alles andere hat er verschwiegen und verschleiert», sagt Sydow.
Im Prozess am Dienstag könnte immerhin herauskommen, warum das BO den Millionenbetrug jahrelang nicht bemerkt hat. Als erster Zeuge ist Finanzdirektor Hans-Peter Althausen geladen (außerdem Sydow und der ermittelnde Kripo-Beamte). Die Prüfungsmechanismen haben nach NNP-Recherchen vor allem aus drei Gründen versagt:
- Werner Jung-Diefenbach genoss blindes Vertrauen.
- Das Vier-Augen-Prinzip im Rentamt war außer Kraft gesetzt, weil die Leiterin der Buchhaltung weg- oder zumindest nicht richtig hinschaute.
- Die Funktionsbündelung Jung-Diefenbachs wurde zum Verhängnis. Der Mann war Rentamts-Chef, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Katholischen Kirchengemeinden Limburgs und Kirchenrechner der Pfarrei St. Jakobus. Das Prinzip, dass keiner mit sich selbst Geschäfte machen kann, war dadurch ausgehebelt. Werner Jung-Diefenbach hatte jeweils alleinige Unterschriftenvollmacht – nach unseren Informationen ohne Wissen und Genehmigung des Bistums. hei
[Hier] im Webauftritt von Lindenholzhausen.de finden Sie unseren Artikel "Unterschlagung - Ist nun alles bekannt? " mit der Historie und entsprechenden Links.