Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
Griff in die Kirchenkasse als „Selbstläufer“ – Buchhalterin Geliebte des Kassenchefs
Von Joachim Heidersdorf
Den rund 50 Zuhörern stockt wiederholt der Atem; häufig raunen, manchmal lachen sie. Werner Jung-Diefenbach lässt sich davon nicht irritieren. Gefasst und selbstsicher erläutert der schwergewichtige Mann mit dem silbergrauen Vollbart, wie und warum er rund fünf Millionen Euro Kirchengelder veruntreute.
Die Bürger im Schwurgerichtssaal 129 können kaum glauben, was sie hören. Da spaziert ein Kassenchef des Bistums im Schnitt alle fünf Tage zur Kreissparkasse und hebt jeweils 7500 Euro in bar ab – und keiner wird stutzig oder bemerkt etwas. Die Buchhalterinnen geben sich mit dem Hinweis zufrieden, er wolle Überweisungsgebühren sparen. Den Kontrollgremien fällt nicht auf, dass es für eine Buchung von acht Millionen Mark (1996) weder die angeführte Zahlung der Stadt Limburg noch die damit angeblich ausgeführten Renovierungsarbeiten an einem Kindergarten gab.
Allein in den strafrechtlich relevanten vergangenen fünf Jahren hat sich Werner Jung-Diefenbach rund 2,7 Millionen Euro in die eigene Tasche gesteckt. In den fünf Jahren davor rund 2,3 Millionen; diese Straftaten sind allerdings verjährt.
Geld komplett verbraucht
«Das Geld ist bis auf den letzten Cent verbraucht», sagt der langjährige Leiter des Rentamts Nord in Hadamar, einer Außenstelle der Finanzverwaltung des Bischofs. «Ich habe immer nur so viel abgehoben, wie ich brauchte.» Vor allem für Immobilien und für seine Zwillingstöchter, erläutert der Angeklagte. Und weil er im Beruf und durch seine Ehrenämter völlig überlastet gewesen sei, habe er teure Urlaube gebucht, um wenigstens in den Ferien eine schöne Zeit mit seiner Familie verbringen zu können.
Oberstaatsanwalt Hans-Joachim Herrchen, der exakt eine halbe Stunde lang insgesamt 362 Untreuefälle zwischen dem 11. April 2004 und dem 28. September 2009 auflistet, kommt dennoch auf höchstens 1,9 Millionen Euro, die Jung-Diefenbach insgesamt ausgegeben haben könnte. Der Verbleib der restlichen Summe gehört zu den zentralen Fragen des Verfahrens – diese bleibt gestern offen. Nichts mehr da, beteuert der Angeklagte immer wieder.
Das Bistum sei zudem selber schuld, weil es ihn aufgrund fehlender Kontrollen quasi zum Betrug eingeladen habe. Werner Jung-Diefenbach wirft den Verantwortlichen im Bischöflichen Ordinariat (BO) sogar vor, dass sie den Skandal zunächst vertuschen, zumindest nicht an die Öffentlichkeit bringen wollten. Finanzdirektor Hans-Peter Althausen (60) und Justitiar Gernot Sydow (40) bestreiten dies am Nachmittag im Zeugenstand energisch. Sie hätten am zweiten Werktag nach Bekanntwerden der Unterschlagungen Anzeige erstattet.
Problem mit Hypothek
Jung-Diefenbach erklärt, dass er aus einer finanziellen Notlage heraus zum Betrüger geworden ist. Am 12. Mai 1984 habe er bei der Feier zum 50. Geburtstag des Dorfpfarrers erstmals in die Kasse gegriffen, weil er die Tilgungen für sein Haus nicht mehr bezahlen konnte. Danach jährlich zwei Mal, immer wenn die Zinsen und Tilgungen fällig waren. Später geht es immer schneller und wird immer mehr. «Das wurde zum Selbstläufer», sagt der Angeklagte. «Das war fast so, als wenn ich an mein eigenes Konto gehen würde.»
Die beiden Töchter kassierten jeden Monat regelmäßig 1800 beziehungsweise 1200 Euro; der einen finanzierte der Vater zusätzlich ein teures Haus, der anderen ein defizitäres Raumausstattungsgeschäft in Limburg.
Warum der gigantische Schwindel im Bistum jahrelang nicht aufflog, erklärte der Finanzdirektor mit der Ämterhäufung des Angeklagten. Der Rendant habe als Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Katholischen Kirchengemeinden Limburgs und als Kirchenrechner in Lindenholzhausen ohne Kontrolle des BO mit sich selbst Geschäfte machen können. Im Verband und in der Pfarrei, über deren Konten der Betrug abgewickelt wurde, habe Jung-Diefenbach Einzelvollmacht gehabt – ohne Wissen und Genehmigung des Bistums. «Das ist unmöglich», sagt Althausen.
Warum in der Hadamarer Behörde das Vier-Augen-Prinzip ausgehebelt war, wurde auf Nachfragen des Richters klar: Die Leiterin der Buchhaltung, die die Buchungen auch persönlich ausführte, hatte 25 Jahre lang ein sexuelles Verhältnis mit ihrem Chef. Jung-Diefenbach beglückte die Frau aus einer Westerwaldgemeinde außerdem mehrfach mit Bargeld.
Zeitweise zwei Geliebte
Aber seine rechte Hand war nicht seine einzige Geliebte im Rentamt, wie sich später herausstellte; zeitweise hatte der Lindenholzhäuser sogar zwei Freundinnen gleichzeitig. Jung-Diefenbach, der sich zuvor immer wieder als treusorgender Familienvater inszeniert hat («Mein Ein und Alles»), leugnet erst – aber erfolglos. Den Mitarbeiterinnen hatte er erzählt, er sei geschieden, wohne im Priesterseminar und die Töchter seien wahrscheinlich gar nicht von ihm.
«Hallo Engel. Dein Traum. Ich liebe Dich grenzenlos», liest Richter Bill aus einer Mail vor. Nun müssen sogar die bis dahin ruhigen Zuhörer schmunzeln. hei