Limburg. Der ehemalige Leiter des Katholischen Rentamts in Hadamar, Werner J.-D., hat am Dienstag zum Prozessauftakt vor dem Limburger Landgericht die ihm vorgeworfene Veruntreuung von 2,7 Millionen Euro gestanden ...

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Bild & Text: Fluck

Der AngeklagteDer 55-Jährige hat zugegeben, von Oktober 2004 bis September 2009 Bargeldbeträge in 360 Raten zu je 7.500 Euro sowie zwei Raten über jeweils 5.000 Euro von einem Konto abgebucht und den größten Teil für sich selbst, seine Ehefrau und seine beiden Töchter und deren Familien verbraucht zu haben. Er habe nichts mehr von dem Geld, das er so abgeholt habe, wir er es gerade gebraucht habe, versicherte der vollbärtige Mann im grauen Anzug mit Schlips und Kragen.

Monatlich will er seine beiden jetzt 28-jährigen Töchter mit insgesamt zwischen 3.000 und 3.500 Euro unterstützt haben; die eine beim Bau ihres Hauses, die andere mit ihrem Laden für Wohnungseinrichtung in Limburg, der in den Miesen stand. Für 395.000 Euro habe er Reisen mit seiner Familie nach Südafrika, an den Tegernsee und zuletzt nach Mallorca unternommen. In Südafrika schenkte er einem Waisenhaus der Limburger Pallottinerinnen insgesamt 10.000 Euro, dem Hessischen Sängerbund ermöglichte der Vizepräsident zwei Chorwettbewerbe durch „Spenden“ über 18.000 Euro.

Mit 40.000 Euro in bar kaufte er bei einem Limburger Händler einen VW Tuareg - und so weiter. Wörtlich sagte der 55-Jährige: „Es hat sich nach und nach gesteigert und wurde zu einem Selbstläufer. Es war so, als wenn ich an mein eigenes Konto gehen würde.“

Angeblich hätten seine Frau und die Kinder keinen Verdacht geschöpft. Ihnen machte er glaubhaft, dass er neben seinem Nettogehalt von 3.200 Euro als Rendant weitere 7.500 Euro als Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Katholischen Kirchengemeinden Limburgs beziehe. In Wahrheit bekam er dafür nichts. Zudem hatte er eigenen Angaben zufolge eine Firma für Immobilien betrieben, zum Beispiel ein Haus in Waldbrunn-Hausen erworben und als Übergangswohnheim für monatlich 8.000 Euro an den Kreis vermietet.

Dass er viele Lasten getragen, ihn die Arbeit erdrückt habe und er jedem helfen wollte, das sei mit ein Grund gewesen, sagte der Mann, der 18 Jahre lang die Cäcilia-Chöre in Lindenholzhausen führte und für die Stornokosten einer geplatzte Andalusienreise seines Erfolgschores aufkam. „Ich suche nicht nach einer Entschuldigung, meine Taten sind nicht entschuldbar. Ich bedaure sie zutiefst“, sagte der 55-Jährige in seinem 45 Minuten dauernden Vortrag, ruhig und gelassen, wohl wissend, dass weitere 2,1 Millionen Euro von 1999 bis September 2004 bereits verjährt sind.

Nicht angeklagt ist auch jene Million, die der Rendant seiner Kirchengemeinde „St. Jakobus“ aufs Konto überwies, um sich als ehrenamtlicher Kirchenrechner davon zu bedienen. Auch 60.000 Euro an Spenden und Kirchgeld von Menschen aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft, mit denen er sonntags zur Kirche gegangen ist, sind futsch. Eigenen Angaben zufolge hatte er sich erstmals 1983 aus Kirchengeldern bedient.

Und da kam auch noch das private Doppelleben des geldmächtigen Rendanten zur Sprache, da er mit zwei engen Mitarbeiterinnen, darunter die langjährige Chefbuchhalterin, auch sexuelle Kontakte unterhalten haben soll. Letztere sprach in ihrer polizeilichen Vernehmung von 25 Jahren. Sie, die die Buchungsanweisungen ausgeführt hatte, will von ihrem Chef immer wieder mal und insgesamt mit 65.000 Euro unterstützt worden sein. Wir sind freundschaftlich nahe verbunden, haben uns sehr gut verstanden“, sagte der Angeklagte. 10.000 Euro will er für ihre Dachsanierung gezahlt haben („das ist geteiltes Leid“). Mit einer der Frauen wurde er Händchen haltend von einer Urlauberin aus Hadamar in Oberstaufen gesehen. Der Vorsitzende Richter verlas eine SMS des Angeklagten an diese Frau: „Ich liebe dich grenzenlos.“

Er selbst soll während seiner Doppelbeziehung das Gerücht gestreut haben, nicht mehr verheiratet zu sein, im Priesterseminar zu wohnen und dass die Kinder nicht von ihm seien. Vor Gericht sagte er: „Meine Kinder sind mein ein und alles.“ Auf der Anklagebank lag ein Foto seiner Familie.

Lange nahm die Klärung der Frage in Anspruch, wie es zu den vielfältigen Unterschlagungen kommen konnte. Dazu der Finanzdirektor des Bistums Limburg, Hans-Peter Althausen: „Im Mai 2007 tauchte eine Notiz vom 8. Mai 1996 auf, unterschrieben vom Angeklagten und dem damaligen Bezirksdekan Aloys Staudt, wonach bis 2020 acht Millionen Mark für dringende Renovierungen und andere Maßnahmen an die Stadt Limburg zurückzuführen seien. Staudt weiß heute nichts mehr davon. Dieses Geld landete auf dem Konto des Limburger katholischen Kindergarten „St. Nikolaus“, dem späteren Konto des Gesamtverbandes der Katholischen Kirchengemeinden.

Von diesem Konto bediente sich der Rendant laut seinem Geständnis 362 Mal. Er hatte sich selbst Unterschriftsvollmacht erteilt und konnte machen, was er wollte. Er war für alles zuständig, ihm wurde blind vertraut. Auf Anfragen, warum er das Geld nicht überweisen lasse, sagte er, dass er das Geld bar zur Stadt bringe, um der Kirche die Buchungskosten zu ersparen. Auch dieser Schwindel wurde ihm geglaubt.

Althausen: „Das Vier-Augen-Prinzip der Kontrolle war ausgehebelt. Das zweite Augenpaar der Buchhaltungsleiterin war verschlossen. Es erschließt sich mir nicht, wie eine solche Kraft 300 Mal Abbuchungen anweisen kann.“ Kurz vor seiner Festnahme habe er sein Auto verkauft. Das Geld soll er seinem Anwalt zur Finanzierung des zivilrechtlichen Verfahrens gegeben haben.

Bei den Prüfungen war der Rendant zunächst nicht aufgefallen. Später habe er vorgeschlagen, mit der versprochenen Wiedergutmachung des Schadens einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen. Darauf ließ sich das Bistum aber nicht ein und informierte die Staatsanwaltschaft. Der Justitiar des Bistums, Prof. Dr. Gernot Sydow: „Er zeigt sich reuig, eine notarielle Schuldanerkenntnis liegt uns noch nicht vor.“ – Der Prozess, der am ersten Tag von 36 Zuhörern verfolgt wurde, wird am 2. März fortgesetzt.


[Hier] im Webauftritt von Lindenholzhausen.de finden Sie unseren Artikel "Untreue-Prozess: Berichte & Ergebnisse" mit der Historie und entsprechenden Links.