| Auf nach Amerika |
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Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei. Warum im 18. und 19. Jahrhundert so viele Lindenholzhäuser auswanderten Von Johannes Koenig Rund 100 Lindenholzhäuser wanderten im 18. und 19. Jahrhundert aus. Das berichtete Lokalhistoriker Josef J.G. Jung den zahlreichen Zuhörern beim «Senioren-Treff am Nachmittag». Unter den Interessierten war auch Gertrud Wagner, mit 93 Jahren die Älteste in der Runde. Sie erinnerte sich noch lebhaft, wie ihre Großmutter ihr als kleines Mädchen von den Familienangehörigen erzählte, die nach Amerika ausgewandert waren. Trotz zahlreicher Bemühungen brach der Kontakt zu den Verwandten in den 1930er Jahren endgültig ab. Wagner vermutet, dass während der nationalsozialistischen Diktatur mehrere Briefe abgefangen wurden. In seinem Vortrag ging Jung ausführlich auf die Gründe für die Auswanderung ein. So hatte sich zum Beispiel die Zahl der Dorfbewohner von 642 im Jahr 1790 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fast verdoppelt. Für den hiesigen landwirtschaftlich geprägten Raum bedeutete dies, dass es nicht mehr genug Land gab, um allen ein wirtschaftliches Auskommen zu sichern. Zudem galt in Lindenholzhausen traditionell die fränkische Realteilung. Sie besagte, dass die Kinder eines Landwirts dessen Grundbesitz zu gleichen Teilen erben. Dies führte zu einer stetigen Verkleinerung der Betriebsflächen und brachte viele Einwohner in Existenznöte. Ausweg aus der Misere Hinzu kam, dass viele Lindenholzhäuser in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch als Leinenweber arbeiteten. Die Entwicklung des mechanischen Webstuhls vernichtete aber auch diese Arbeitsplätze. Viele mussten sich als Tagelöhner durchschlagen. Ein Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere bot allein der Wegzug in die neuen Industriezentren an Main und Rhein – oder die Auswanderung. Letztere bedeutete für die Allermeisten aber ein Abschied für immer. Erst als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts größere Industriebetriebe auch in Limburg Fuß fassten, ging die Zahl der Auswanderer deutlich zurück. Ziel der meisten Auswanderer war Amerika. In mühevoller Kleinarbeit hat Jung über die Jahre die Namen der Auswanderer unter anderem in Unterlagen des Hauptstaatsarchivs, in Pfarr-, Schul- und Familienchroniken sowie persönlichen Aufzeichnungen recherchiert. So wanderten zum Beispiel zwischen 1840 und 1860 Angehörige der folgenden alteingesessenen Lindenholzhäuser Familien aus: Barth, Becker, Born, Fachinger, Göbel, Jung, Kasteleiner, Löw, Mais, Neunzerling, Otto, Pressler, Simonis, Stein, Stephan und Zimmermann. Engelbert Born in Michigan Sie reisten in der Regel zu Fuß oder mit einem Fuhrwerk über den Westerwald nach Koblenz, nahmen dort ein Rheinschiff nach Antwerpen, von wo aus es mit einem Segelschiff nach Amerika ging. Kontakte zu ihrer alten Heimat pflegten sie und ihre Nachkommen kaum noch. Vielleicht lag es daran, dass man damals nicht über unsere modernen Kommunikationsmittel verfügte, spekulierte Jung. Einer der heute noch am besten fassbaren Lindenholzhäuser Auswanderer war Engelbert Born, dessen persönlicher Lebenslauf später auszugsweise in einer amerikanischen Zeitung veröffentlicht wurde. Born verließ 1849 als 16-Jähriger Lindenholzhausen. Er hatte sich von seinen Eltern den Erbteil auszahlen lassen, der aber bis auf fünf Cent für die Schiffspassage draufging. Nach Tätigkeiten als Schiffsjunge und Drechsler gründete er in Allegan im Staat Michigan ein Unternehmen, in dem er mit etwa 20 Mitarbeitern Pferdewagen und Kutschen herstellte. Schon 1854 war es ihm möglich, nach dem frühen Tod der Eltern seine fünf jüngeren Geschwister nach Amerika zu holen und dort zu versorgen. Durch sein unternehmerisches Geschick brachte es Born zu erheblichen Wohlstand. So konnte er es sich zum Beispiel leisten, 1875 und 1889 ausgedehnte, monatelange Reisen in Europa zu unternehmen. Darüber verfasste er interessante Reiseberichte, die die Alleganer Zeitungen gerne veröffentlichten. Seinen Geburtsort besuchte er in den späteren Jahren offenbar wiederholt, da er öfter nach Wiesbaden zur Kur reiste. Bis in die jüngste Zeit hätten seine Nachkommen noch Kontakt zu den Lindenholzhäuser Verwandten gepflegt. Josef J.G. Jung sprach über die Auswanderer. Foto: Koenig |


Josef J.G. Jung sprach über die Auswanderer. Foto: Koenig
